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Assassin‘s Creed: Origins – Der letzte Medjai

Assassin‘s Creed ist Kult. Spätestens nachdem die Ezio-Trilogie erschien, saß die Nadel bei den meisten Leuten tief. Ähnlich erging es auch mir. Zwar habe ich nicht alle Teile, die jemals erschienen sind, durchgespielt, nichtsdestotrotz konnten mich die meisten überzeugen.

Natürlich waren manche Teile nicht ganz so tief in der Materie. Andere Teile waren verbuggt oder kamen lieblos daher. Irgendwann wurde Assassin‘s Creed dann auch mal jährlich verramscht, was der Qualität bei Weitem nicht zugute kam.

Doch wieso kauft man sich immer wieder DAS NEUE Assassin‘s Creed? Aus Gewohnheit? In der Hoffnung, dass es wieder besser wird? Wegen der cineastischen Trailer, die einem DAS Spiel versprechen?

Ich, für meinen Teil, habe mir das neue AC mit allen Vorbehalten gekauft, die man nur so haben kann. Ich habe es mir sogar schenken lassen, weil ich nicht bereit war, selber Geld auszugeben.

Doch ist es nur ein weiterer Ableger einer totgeglaubten Marke?

Nein.

Assassin‘s Creed Origins entführt uns ins alte Ägypten, in dem Götter noch über das Schicksal der Menschen entschieden und Medjais die Menschen beschützten.

 

Ptolomeios, Kleopatras Bruder, der sich unrechtmäßiger Weise auf den Thron gesetzt hat, hat nämlich veranlasst, alle Medjais zu töten. Einer jedoch hat das Attentat überlebt: Bayek von Siwa.

Wir schlüpfen also in die Rolle Bayeks und beginnen einen blutigen Rachepfad voller Zorn, Trauer und Liebe. Bayeks Sohn wurde nämlich vor seinen Augen ermordet. Sein Rachedurst verleitet ihn und seine Frau Aya dazu, sämtliche Männer zu jagen, die mit dem Tod ihres Sohnes in Verbindung stehen. Der Rang oder Name eines Todfeindes zählt nicht, auch zählt es zu Beginn nicht, wie sich das Ehepaar verändert. Zuvor waren sie immerhin keine Mörder gewesen und wenn sie Rache einfordern, dass sie am Anfang fälschlicherweise als Gerechtigkeit verbuchen, müssen sie nicht nur ihre Hände, sondern auch ihr Gewissen beschmutzen.

Und genau dort beginnt die Tiefe des Spiels. Nicht nur die Protagonisten, sondern auch die kleineren Charaktere im Spiel wissen zu überzeugen. Keine Tat bleibt ungesühnt und keine Tat bleibt verborgen. Auf Bayeks Rachepfad trifft er immer wieder auf die kleinen Leute, deren Verwandte verschwunden, Tiere gestohlen oder liebstes Gut versunken im Meer liegt. Als Medjai kann er nicht anders, als ihnen zu helfen.

Diese Nebenquests sind zahlreich. Viele sind besonders interessant, finden in coolen Locations statt und haben teils mehrere Aktivitäten, die zum Ziel führen. Quests, die sich rein mit der Suche in einem Gebiet befassen oder eben Quests, in denen man nur einen Gegner ausschalten muss, sind aber ebenfalls vertreten. Die reine Masse an Nebenaktivitäten ist, wie in jedem Ubisoft-Spiel, erschlagend. Wenn man aber einmal angefangen hat, die Map aufzudecken, alle Sidequests abzuschließen und alle Fragezeichen abzuklappern, kann man gar nicht mehr aufhören. Öfters blickte ich am Abend zurück und musste mit Erschrecken feststellen, dass ich 5 Stunden lang nichts Anderes getan hatte, als Fragezeichen abzureiten und alles zu komplettieren.

“Nek“ , dachte ich mir dann immer… und eine Sekunde später: „Nek?!“. Dieses Wort, das wohl „scheiße“ auf ägyptisch heißen soll, hört man so oft im Spiel, dass man es sehr schnell übernimmt, ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein.

Wenn man sich dann ENDLICH mal von der ständigen Komplettierungssucht lösen kann, kann man sich mit der herausragenden Hauptstory-Line beschäftigen. Hier kommt es einem schon fast so vor, als hätte sich das Ubisoft-Team zusammengesetzt und sich folgende Frage gestellt: Was macht eine gute Geschichte in einem RPG aus?

  • Liebe
  • Leidenschaft
  • Rache
  • Wendepunkte
  • Bosse

Assassin‘s Creed Origins bietet in der Hauptstory wirklich all das, was man sich als Spieler nur wünschen kann. Bayeks Beziehung zu Aya ist sehr erwachsen. Wir reden hier nicht von der typischen BioWare-Liebelei, die so kitschig ist, dass man kotzen könnte. Die beiden sind verheiratet, haben immer noch Spaß miteinander und können trotzdem über ernste Themen sprechen. Ihre Beziehung wächst bzw. bekommt aber auch einiges ab, wenn es darum geht, ihrer neuen Berufung als Rächer nachzugehen. Die Beiden verändern sich dadurch und der Spieler wird nicht umhin kommen, mitzufiebern, wie es mit den beiden ausgeht.

Was als langweilige Rachegeschichte beginnt, die wohl auch mit dem Tod des letzten Feindes enden sollte, endet eben nicht als solche. Die Geschichte hat viele Wendepunkte, von denen zwar einige vorauszusehen sind, nicht aber die Geschichte in ihrer Erzählkunst schmälern würden.

Bosse bzw. Endlose sind immer ein sehr wichtiges Thema. Viele Spiele verzichten auf solche Bosse leider komplett, was ich sehr schade finde, weil sie dem Spieler eine Herausforderung nehmen. In AC Origins steigern sich die Bosse beim Voranschreiten der Quests. Befindet man sich zu Beginn der Session noch in bekanntem Gefilde, mit einfachen Auftragsarbeiten, wird es später sehr viel mystischer, ja, traumhafter. Es gibt dann richtige Mechaniken, die Spaß machen.

Auch wenn man die meiste Zeit in dem Spiel mit Aufdecken, Absolvieren der Nebenaktivitäten und Fragezeichen verbringt, bleibt nachdem ersten Spieldurchgang auf jeden Fall die Geschichte im Gedächtnis, die zwar etwas ruppig angefangen hat, sich dann aber auch wunderbar entfalten konnte. In der Mitte des Spiels geht es wie gewohnt etwas langsamer voran und die Geschichte verliert ein wenig an Substanz, aber dies wird auch schnell wieder wett gemacht.

Furchtbar fand ich persönlich die Rennen im Hippodrom. Man muss sie nicht machen – yay, Pluspunkt – aber sie verschaffen einem neue Reittiere, die zwar auch nicht wichtig, aber besonders schick anzusehen sind.

Ebenfalls kein Höhepunkt des Spiels ist die Arena. Hier kämpft man gegen kleinere Scharen von Gegnern und etwas stärkere Gegner. Einmal Story-technisch abgehandelt, muss man aber auch hier nicht noch einmal zurückblicken.

Mein letzter Kritikpunkt ist die deutsche Übersetzung. Die englische Stimme von Bayek ist so dunkel, so tiefgründig und geht einem teils richtig unter die Haut. Die deutsche Stimme ist hingegen sehr steril und kann die Situationen nicht so emotional rüberbringen, wie es die englische Synchronisation schafft.

Assassin‘s Creed Origins hält einen Spieler gut 30-40 Stunden bei Laune. Danach kann man auch noch NG+ dranhängen, wobei Level und Ausrüstung beibehalten werden. Man kann sich im NG+ direkt auf Level 45 ziehen lassen und entscheiden, ob die Gegner mitleveln oder nicht. Einen Level 6 Gegner totzuknüppeln, während man selbst Level 45 ist, macht aber nur einmal Spaß und wird recht schnell langweilig.

Alles in Allem macht Assassin‘s Creed also alles besser als seine Vorgänger: Es hat ein richtig gutes The Witcher ähnliches Kampfsystem, eine riesengroße, belebte und schöne Welt und es erzählt eine düstere, blutige und emotionale Geschichte. Die Charaktere sind nennenswert und viele der Nebenquests haben Charme. Manche fühlen sich aber auch einfach wie ein Lückenfüller an, um den Spieler bei Laune zu halten.

Insgesamt hat AC Origins den Eindruck gemacht, als wollte es die Assassin‘s Creed-Vorlage ehren, aber auch vieles anders machen. Das Hauptthema scheint zwar noch vorhanden zu sein, aber die Präsentation und das Gameplay spielen in einer neuen Liga. Wäre ich jetzt frech und nicht ein absoluter The Witcher Fan, würde ich sagen, dass es sich wie eine Mischung aus The Witcher 3: Wild Hunt und Assassin‘s Creed 2 mit einem Touch von Assassin‘s Creed: Black Flag angefühlt hat.

 

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