ReviewRollenspieleVideospiel

Kingdom Come: Deliverance – Mittelalterliche Härte im Stresstest

Böhmen, 15. Jahrhundert

Wir starten in einem kleinen Dorf. Die Sonne scheint, der Wind weht und umspielt die Gräser. Alles ist ruhig und friedlich. Und so fürchterlich realistisch.

Die Menschen im kleinen Dorf namens Skalitz leben ihr Leben: Sie arbeiten, machen ihre Wäsche und treiben sich in Schänken herum. Manche sind zu dieser frühen Stunde schon betrunken und reden Unsinn, zum Ärgernis der weniger Betrunkenen. Nicht selten kommt es also vor, dass die Situation eskaliert und die Menschen übereinander herfallen.

Wir schlüpfen also in die Rolle von Heinrich, dem Sohn des Schmieds, dem Tunichtgut. Mutter weckt uns am Mittag, bevor Vater böse wird, weil wir wieder nichts auf die Reihe kriegen. Die erste Standpauke gibt es also schon nach wenigen Sekunden.

Und was kann ein Tunichtgut besser, als seinem alten Vater bei der Arbeit zu helfen, vielleicht Geld abzuholen und die nötigen Materialien, die er zum Schmieden benötigt?

Natürlich Mist bauen, mit den Kumpels abhängen und etwas tun, wofür man vom Büttel gejagt wird.

Immerhin sind wir frei. Wir können zuerst das Geld eintreiben oder eben später und erst einmal durch das Dorf laufen und die Menschen beobachten. Wir können uns aber auch dafür entscheiden, ein guter Sohn zu sein und alles so schnell wie möglich zurückzubringen und zu beschaffen.

Die Menschen um uns herum sind dabei leider genauso schlimm wie wir. Sie möchten ihre Schulden nicht bezahlen, sie möchten nicht, dass wir unserer Arbeit nachgehen und sie möchten uns auch nicht immer entgegenkommen. Unterhalten wir uns zum Beispiel mit einem Händler und versuchen den Preis zu drücken, kommt es nicht selten vor, dass der Händler nach einiger Zeit wütend wird, weil wir versuchen, den Preis immer weiter runter zu feilschen. Wenn wir also nicht wollen, dass unser Gegenüber böse wird, dürfen wir nicht zu dreist feilschen. Manchmal sind wir so pleite, dass wir uns eben nicht alles bei den hiesigen Händlern leisten können. Dann müssen wir schnell kreativ werden.

Wie holen wir uns also das, was wir brauchen, von einem Berg von einem Menschen, der uns einfach so umhauen kann? Bestehlen wir ihn? Holen wir unsere Freunde und prügeln ihn windelweich? Oder holen wir Papi, der das für uns regelt? Immerhin sind nicht nur Händler immer Besitzer dessen, was wir brauchen. Auch unsere Nachbarn können hier und da mal etwas besitzen, was wir für den Abschluss einer Quest sehnlichst ersuchen.

Was wir auch tun werden, es wird Konsequenzen haben, denn jemanden zu bestehlen oder zu verprügeln, kommt nicht gerade gut bei den örtlichen Gesetzeshütern an.

Wenn wir zu kriminell werden, müssen wir sogar in den Kerker.

Doch was so friedlich und harmlos beginnt, endet schnell in einer Massenschlacht, denn der Krieg zwischen den Königen betrifft hauptsächlich die kleinen Leute. Zu Beginn folgt einer Banalität der anderen, denn der eigentliche Konflikt, das eigentliche Problem, stellt sich erst nach ein paar Spielstunden ein, sodass wir Zeit haben, uns an das Spiel zu gewöhnen.

Irgendwann ist also unserseits vom Krieg betroffen. Schnell bekommen wir die Schattenseiten des Mittelalters zu spüren und damit ist nicht etwa der Gestank gemeint.

Wir müssen uns hochkämpfen, ja, hocharbeiten, denn uns wird alles genommen. Wir werden zu einem Flüchtling, der aus seinem eigenen Dorf vertrieben wird und ein blutiges Massaker versucht, hinter sich zu lassen. Anfangs haben wir noch nicht einmal anständige Klamotten! Mit Lumpen bekleidet und ohne anständige Waffe müssen wir uns den Herausforderungen stellen, die das Leben in Böhmen bereitstellt. Wir müssen mit Adeligen taktieren, wir müssen uns ihnen aber auch beugen. Wir müssen lernen mit dem Schwert umzugehen und auch mit dem verhassten Bogen. Wir müssen essen und wir müssen schlafen. Die Zeit rennt uns permanent davon, denn der Tag hat zu wenige Stunden, um ganz Böhmen zu erkunden und alle Parteien glücklich zu machen.

Manchmal müssen wir auch kriminell werden, wenn wir jemanden etwas schuldig sind. Wir müssen stehlen, lügen und Schlösser knacken. Wenn wir das nicht können, müssen wir einen anderen Weg finden oder verzweifeln. Ein Deadlock, also ein Punkt, an dem es kein Weiterkommen gibt, weil wir es verbockt haben, gibt es nicht. Es gibt immer einen Weg.

Böhmen ist vieles, aber es ist nicht gnädig.

Wenn wir etwas Falsches tun und uns erwischen lassen, können wir das nicht rückgängig machen. Manchmal dauert es länger, um den richtigen Weg zu finden, wenn der Falsche misslungen ist.

Können wir uns z.B. nicht vor dem Adel behaupten und hatten eine große Klappe, verlieren wir unser Geld, unser Stolz wird verletzt. Schaffen wir es hingegen, der großen Obrigkeit unser Können unter Beweis zu stellen, werden wir sogar belohnt. Auch wenn sich diese meist als schlechte Verlierer zu erkennen geben.

Böhmen zeigt sich manchmal aber auch von der spaßigen Seite. Wir können uns betrinken, an Turnieren teilnehmen, reiten, eine Beziehung aufbauen, auf Rendezvous gehen und manchmal können wir uns auch in einen Faustkampf hineinstürzen.

Böhmen kann einen für Stunden fesseln, aber es kann einen auch in Verzweiflung führen, wenn man nicht den richtigen Weg findet, Gegner besser mit dem Schwert umgehen können als man selbst oder mit fast jedem Pfeil das Ziel treffen, währenddessen man noch versucht, den Bogen unter Kontrolle zu bringen.

Manche Aufgaben wirken unlösbar, wenn man kein Schlückchen Speichersaft mehr im Rucksack trägt oder der letzte Dietrich ausgegangen ist. Aber nach über 50 Stunden sind all die schlechten Dinge vergessen und nur das wunderschöne, mittelalterliche Bild von einem Hardcore Rollenspiel, die gut geschriebenen Dialoge und die herausragende Geschichte bleiben bestehen. Was macht es da schon, wenn es mal hier und da kurz geruckelt hat? Was macht der ein oder andere Bug schon aus, der das Treppensteigen erschwert hat, wenn das Spiel in seiner Hülle und Fülle so viel Spaß gemacht hat?

Kurz gesagt: nichts.

Das Spiel hat seine Schwächen, so wie jedes andere Spiel auch. Es mag kein AAA-Spiel sein, aber es fühlt sich dennoch so an. Fehler oder eben Probleme werden in regelmäßigen Abständen behoben und die ganzen Bugs, die angeblich das Weiterspielen verhindern sollen, haben meinen Spielstand nie betroffen. Natürlich ist das Spiel nicht für jedermann, immerhin ist auch ein Weltkriegsshooter nicht etwas für jedermann. Kingdom Come ist aber ein sehr gutes Rollenspiel, das einen zum Lachen UND Nachdenken bringt und gleichzeitig all die Konsequenzen auslebt, die man sich selbst eingebrockt hat.

Ja, es ist kein leichtes Rollenspiel, denn es reicht nicht aus, nur eine Taste zu drücken. Man muss sich mit dem Spiel beschäftigen, denn nur so kann man es lieben lernen. Und Kingdom Come hat einiges an Liebe zu bieten: Liebe zum Detail,  Liebe zu Authentizität, Liebe zum Spieler – immerhin unterzieht man sich hier einer liebevollen Strenge, die einem all jenes aus dem Kopf treiben soll, was einem andere Spiele so leicht gemacht haben, indem sie einen verzogen haben mit ständigem Speichern und konsequenzenlosem Handeln.

Die deutsche Synchronisation gehört dabei zu den Besten, die ich bereits erleben durfte. Kaum ein Videospiel konnte so gute Sprecher für sich gewinnen. Endlich mal ein Spiel, das man auch getrost auf deutsch spielen kann.

Ich liebe Kingdom Come. Manchmal hasse ich es auch. Aber ist es nicht genau diese Hassliebe, welche ein gutes Spiel ausmacht? Immerhin bleibt es mir so im Gedächtnis. Andere Spiele haben diesen Status nie erreicht.

 

Tags:

3 comments

  1. […] Wie gut Kingdom Come bei uns angeschnitten hat, erfahrt ihr in diesem Review. […]

  2. […] Kingdom Come: Deliverance – Wir haben dem mittelalterlichen Hardcore RPG einen Test unterzogen. […]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


Diese Website speichert einige personenbezogene Daten. Diese Daten werden genutzt, um eine personaliserte Erfahrung zu gewährleisten. Hierzu werden deine Statistiken getrackt und in Einheit mit der Deutschen Datenschutzgrundvereinbarung reguliert. Falls du nicht möchtest, dass deine Daten zukünftig getrackt werden, kannst ein Cookie zulassen, welches sich deine Entscheidung für ein Jahr merkt. Zustimmen, Verweigern  
727