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Fuck Books.

Weshalb liest man im 21. Jahrhundert eigentlich noch Bücher?

Es gibt schließlich viel praktischere Medienkomsummethoden, die darüberhinaus noch den vermeintlichen Vorteil eröffnen, den angeforderten Inhalt in exorbitant kürzerer Zeit hinter die Hirnrinde der Rezipienten zu kippen: Filme. Blurays, DVDs, VHS Kassetten – Herrgott, meinetwegen auch Laserdiscs. Ein weiterer, nicht ausser Acht zu lassender Pluspunkt, ist die damit einhergehende, grundsätzlich vorhandene Arbeitslosigkeit der eigenen Extremitäten, welche es dem Konsumenten erlaubt, zeitgleich schier unbegreifliche Mengen Gefress in alle erdenklichen Körperöffnungen (vorzugsweise Mund) einzuführen und sich dabei nicht einmal abnormal vorzukommen. Schließlich ist das Hirn mit anderen, nennen wir es “Aktivitäten, beschäftigt – CGI Verdauung und chronische Synchronisationsfehleranalyse beispielsweise.

Es existieren weder High Definition Bücher, noch Dolby Digital Fassungen. Limitierte Steelbookstaubfängerpressblechversionen gibt es auch nicht. Rational betrachtet ist das Buch eine dicke, fette, langweilige Ansammlung von chemischem, völlig ungesundem Laserdruckertonerzeug, welches maschinell auf verstorbenen, gebleichten Baumüberresten festgebrannt wurde. Da gibt es weder Blingbling, noch anderweitige Stylefaktoren – Das Lesen eines Buches ist die wohl urtümlichste Konsummethode einer vom Autor erdachten Gechichte.

Warum also, beim Barte des Propheten, sollte man in der heutigen, multimedial zugekleistertem Welt noch solch prähistorischen Quatsch in Erwägung ziehen? Die Antwort ist schlicht und ergreifend »weil es intensiver als alles andere ist, war und auf ewig bleiben wird.«

Beim Lesen wird Dir nichts vorgemacht. Es existiert kein Regisseur, der Dir vorschreibt wie ein Charakter genau auszusehen hat. Niemand bestimmt, wie Du die beschriebene Welt oder das Universum sehen sollst. All diese Dinge passieren in Deinem Kopf – Du hast Deinen eigenen, gedanklichen Spielraum und konstruierst Dir Deine eigene Version des Erzählten. Ein Autor vermittelt lediglich Rahmenbedingungen, ein paar grobe Anhaltspunkte. Der Leser selbst entscheidet später, was er sich daraus zusammenspinnt.

Anfang der 90er las ich mein erstes Buch: Stephen Kings Es. Das gedankliche Bild von Pennywise zerstörte daraufhin bis heute meine subjektive Wahrnehmung eines Clowns. Ich fühle mich noch immer bedroht, wenn sich ein gottverdammter Clown mit einer beschissenen roten Nase in mein Blickfeld verirrt und irgend welchen einstudierten Klamauk der primitivsten Form präsentiert. Man,.. das was der Typ da treibt ist nicht lustig! Das ist bedrohlich! Jeden Moment springt er dem nächsten Rotzblag ins Genick, beißt es kaputt und weidet es im Anschluss daran aus! Wenn Du einen Clown siehst – Lauf! Oder töte ihn bevor er dich bemerkt.

Die Figur des Pennywise war für mich stets der Inbegriff von Bösartigkeit. Und dann, einige Jahre später, schleppte meine Mutter die Verfilmung aus unserer nahegelegenen Dorfvideothek auf VHS Tape mit Hause. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie sehr ich aus dem Häuschen gewesen bin, als das Teil schliesslich in unserem Videorekorder gelandet ist. Ich wollte mit eigenen Augen sehen, wie Pennywise tatsächlich ausschaut, ja, wie fürchterlich dieses Wesen in Wirklichkeit sein mag.

Was ich dann allerdings sah, war ernüchternd, langweilig, aufgesetzt – Das Ding in meinem Kopf hatte nichts mehr mit dem verkleideten Schauspieler zu tun, den ich dort sah. Dennoch wurde das Bild von Pennywise in meiner Phantasiewelt vollkommen durch den mehr oder minder langweiligen Hampelmann aus der Verfilmung ersetzt. Der “Zauber” war komplett verflogen. Ähnlich erging es mir mit Tolkiens Der Herr der Ringe. Obwohl Peter Jackson es hinbekommen hat, eine großartige Welt zu erschaffen, saß ich relativ gelassen im Kino und lies die Bilder regelrecht interpretationslos auf mich einregnen.

Filme zerstören Gedankenwelten bzw. ermögliche Dir maximal einen kurzen Blick durch das Schlüsselloch. Die wahre Geschichte befindet sich allerdings hinter der Tür. Stell Dir ein richtig gutes Essen vor. Man futtert ein Stückchen hiervon und ein Stückchen davon. Es schmeckt geil und Du denkst Dir »omnomnom«. Irgendwann bist Du satt und glücklich und beförderst Dich mitsamt vollem Wanst in die Koje. Das ist ein Buch.

Der Küchenchef kratzt währenddessen die Reste von den Tellern, verwurstet selbige, entfernt vermeintlich überflüssige Brocken und haut die übriggebliebenen Zutaten in den Häcksler, um Sie anschliessend für 40 Minuten in den Backofen zu schieben und mit Käse zu überbacken. Eventuell serviert er das “neue Gericht”, auf einem Porzellan-Designteller und reichert es mit einer tollen Garnitur an, die man sowieso nicht isst. Das ist ein Film.

Versteht mich nicht falsch, es gibt wahnsinnig gute Filme. Wenn man es allerdings wirklich wissen und zur Gesamtheit in einer Geschichte versaufen will, sollte man (wenn möglich) doch eher die prähistorische Konsummethode wählen, die bereits Opa für gut befand.

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