MusikSonstiges

Kettcar – Ich vs. Wir

Auf den billigen Plätzen
Haben wir gesessen, uns gefragt
Wie’s denn wohl sein muss
Wie es sein muss
Wenn man alles, alles hat, Hurra
Hurra, umgeben von dem Glanz
In Glanz gehüllt, in warme Decken
Alkohol und Antibiotika
Und Kopfschmerztabletten

Ich vs. Wir wurde es also getauft – Das fünfte Studioalben in nunmehr 15 Jahren Bandgeschichte unter dem Label von Grand Hotel van Cleef. Kettcar sind somit nicht gerade Produktivitätsweltmeister hinsichtlich der Veröffentlichen neuer Alben, was allerdings völlig in Ordnung ist. Denn am Ende bekommt man genau stets das, was man sich erhoffte: Gnadenlos hochwertige Texte, die zum Nachdenken anregen und unsere allzu perfekte, abgestumpfte Welt hinterfragen, Fehlkonstruktionen bloßstellen, an den eigenen Charakter appellieren und auf Missstände hinweisen. All das verpackt in wundervoller musikalischer Ummantelung.

Das Album – nein das gesamte Projekt Kettcar vertritt eine Idee von Musik, die niemals sterben wird und die so wichtig ist, dass sich die Balken biegen. Denn durch Musik werden die persönlichen Emotionen angesprochen. Die Aussagen brennen sich in das Gehirn und arbeiten dort weiter. Gedanken bleiben und formen ein differenzierteres Bild, als ein anderes Medium je vollbringen könnte.

Bereits Opener Ankunftshalle präsentiert alles, was diese fantastische Band ausmacht. Wer hier nicht auf einer inneren Ebene berührt wird, hat ein Herz aus Stein. Zwei Menschen erlangen ihren erschütterten Glauben an die Menschheit wenigstens für einen kurzen Moment zurück, indem sie zum Flughafen fahren und die Leute beim Ankommen und Empfangen beobachten: “Die letzten Schritte und dann: Umarmen”.

Wohltuend kritisch und hinterfragend kommt Wagenburg daher. Die erste Singleauskopplung Sommer 89 ist eher ein Stück Zeitgeschichte als ein Song, der – wie ich kürzlich erfuhrt – Seitens meiner damaligen Uni ein Video produziert bekommen hat. Toll gemacht, Leute!

Treibend, mitreißend, schlichtweg stark wird dann Auf den billigen Plätzen präsentiert. Mein Lieblingssong auf dem Album ist jedoch Trostbrücke Süd, das ganz schlicht zur Sologitarre beginnt und sich im weiteren Verlauf zur Hymne entwickelt, mit einer der schönsten Instrumental-Linien des Albums. Das könnte für viele Kettcar-Fans ein neuer Lieblingssong werden, auch wegen des tollen Schlusses nach einer wirkungsvollen Kunstpause: “Wenn du das Radio ausmachst wird die Scheißmusik auch nicht besser.”

Das stimmt, und es stimmt auf vielen Ebenen: Teil von allem sein und bleiben. Nicht aufgeben. Wie genau man die Zeile interpretiert, bleibt dem Hörer selbst überlassen, aber es fällt schwer, daraus keine trotzige Hoffnung zu schöpfen. Der Song bewegt jedenfalls unglaublich viel in mir, vielleicht mehr als ich überhaupt möchte.

Und dann gucke ich die Fahrt über in die Gesichter
versunken im blaugrauen Smartphone-Gewitter
Nur die Frau über 40 dort rechts
liest “Geheimes Verlangen”, Band 6
Und sie träumt ihren Traum vom gefangenen Brautstrauß
Um 6:35 steigt sie am Jungfernstieg aus

Das Gegenteil der Angst schlägt genau in diese Kerbe, bis letztlich Den Revolver entsichern das großartige Album beendet. Man wird etwas verloren und unbequem zurückgelassen, fühlt sich unbehaglich und leicht dekonstruiert. Halt das übliche Kettcar-Feeling, dass ich so sehr liebe.

Ich erklär’ meinen Kindern, was ein guter Mensch ist
Mit Sätzen die heutzutage sonderbar klingen
Denk’ an meinen Vater, hoff’ dass ich besser bin
Erhäufe mein Herz im täglichen Ringen

Oft scheinen die Songs, wie die dunkle Mannschaftsaufstellung und das darauf folgende Gegenteil der Angst regelrecht aufeinander zu antworten. Das Talent der Band, in wenigen prägnanten Zeilen Geschichten zu erzählen, die man nicht vergisst, ist ungebrochen.

Wenn Coolness bedeutet, dass einen nichts wirklich mehr tangiert, dann ist das hier die schönste Art der Uncoolness, die jemals erfunden wurde. Sie gewinnt Einem dieser Zyankalitage Schönheit, Wärme und Hoffnung ab – indem “sie”, die Masse, dann “einen Augenblick lang / Unsere Leute sind / Und für Sekundenbruchteile / Mal keine Meute sind”.

Politische Verödung und egozentrische Manie auf eine CD gepresst. Großartig – Danke Kettcar.


Zum Abschluss möchte ich euch natürlich auch nicht das finale Musikvideo zu Sommer ’89 inklusive Making Of der HSOWL vorenthalten:

Video:

Making Of:

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