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The Good Doctor – Ein Drama mit Herz?

The Good Doctor ist leider noch nicht in Deutschland erschienen. Wer jedoch trotzdem die Serie nicht an sich vorbeiziehen lassen möchte, der kann sich diese per iTunes oder Sky Ticket nachholen.

Es geht nicht immer nur um Sex

Als großer und enttäuschter Grey’s Anatomy Fan habe ich mich schon seit Längerem auf die Suche nach einer guten Krankenhausserie begeben. Sie sollte dramatisch, humorvoll, aber vor allem nicht mehr nur Sex zum Thema haben. Natürlich ist Sex ein wesentlicher Bestandteil in einer solchen Serie, immerhin müssen Beziehungen intensiviert werden und diese schamlosen Momente führen nun einmal dazu, dass etwas Aufregung und etwas Spannung in die Serie kommt, jedoch fand ich, dass dies in Grey’s Anatomy überhand nahm.

Es gibt keine authentischen Krankenhausserien

Die Fälle sind meist ziemlich verkorkst und auch die medizinischen Anamnesen würden den ein oder anderen Arzt bestimmt auf die Palme bringen. Es ist jedoch ein schönes Gefühl, als absoluter Nicht-Kenner in diesem Bereich, wenn es denn zumindest den Anschein erweckt, authentisch sein zu wollen. Dr. House gehört z.B. zu der Art von Serie, der man es einfach abgenommen hat, dass Hugh Laurie Ahnung von Medizin hat. Erst nach mehreren Staffeln konnte sich der Medizin-Noob an die Stirn fassen und sich fragen, wie viele Patienten denn an Lupos leiden. Neben einer etwas schwachen Charakterentwicklung, gehörte Dr. House trotzdem zu den authentischeren und vor allem auch humorvolleren Arztsendungen, die ich bislang sehen durfte.

Wie viele Staffeln braucht eine Serie, um zum Höhepunkt zu kommen?

Die Serienlänge von einem Dr. House mit seinen acht Staffeln kann natürlich mit einem Emergency Room oder einem Grey’s Anatomy mit 14+ Staffel nicht mithalten. Die Frage, die man sich aber stellen sollte, ist, wie viele Staffeln können die Protagonisten noch überraschen und wie weit können sie sich entwickeln, sodass man die Entwicklung spürt und gutheißt oder eben nur mit dem Kopf schüttelt, wenn ein stabiler, furchtloser gesunder Charakter plötzlich Liebeskummer hat und eine falsche, für den Charakter untypische, Entscheidung nach der anderen trifft und diese nicht bereut. So macht es doch vielleicht mehr Sinn, wenn man die Serie nur ein paar Staffeln laufen lässt, bis der Protagonist alles erreicht hat, was er wollte und dann mit einer weiteren Serie oder einem Spin-Off weitermacht. Wenn der Protagonist in Staffel 6 alles erreicht hat, seine große Liebe geheiratet hat und endlich auf die richtige Bahn gekommen ist, dann ist ein Happy End immer noch besser als die Kuh bis zum bitteren Erbrechen zu melken. Damit ist nicht gemeint, dass eine Serie danach keine guten Episoden mehr produzieren kann, jedoch werden sich diese nicht mehr an den Chorus des Anfangs halten und immer wieder neue Protagonisten und damit Probleme schaffen, die nicht nur unglaubwürdig, wie die zigste Halbschwester, sondern vielleicht auch uninteressant sind.

Müssen wirklich alle Hauptcharaktere sterben?

Apropos falsche Entscheidungen: Wie kann es sein, dass sich eine Serie nur dann weiterzuentwickeln scheint, wenn die Fälle immer härter und dämlicher werden? Shonda Rhimes scheint eine echte Marke auf dem Gebiet zu sein. Nehmen wir einfach mal Private Practice, das sich damit profiliert hat, Kinder erkranken und sterben zu lassen. Natürlich scheint es auf den ersten Blick die Urform des Dramas schlechthin zu sein und natürlich hat man sich als Drama-Fan die Serie angeschaut, aber als es dann in Richtung Vergewaltigung der Nebendarsteller und vor allem Geister ging, da ist etwas in mir gestorben. Ich meine, Geister?!, in einem Drama?

Nehmen wir ein anderes Beispiel. How to Get Away with Murder ist zwar keine Krankenhausserie, stammt aber aus derselben Hand, die uns schon mit Private Practice und Grey’s Anatomy gefüttert hat. Die ersten paar Staffeln sind super, die Charaktere machen Spaß und entwickeln sich sehr angenehm. Sie haben ihre Fehler, und diese sind wichtig in so einem Format, und vermasseln es sich in jedem Punkt, den man sich denken kann. So entsteht Drama. Und das ist auch gut so! Aber das ist alles nur bis zu diesem einen Punkt lustig, bis der Hauptcast nach und nach getötet wird.

Erinnert sich vielleicht noch jemand an George aus Grey’s Anatomy? Ein super Charakter, der immer ein Bindeglied zwischen einer charakterschwachen und leicht geisteskranken Person und den anderen sehr starken Charakteren war. Er war auch mit einer jener Charaktere, die herzlich waren und Sympathie einheimsen konnte.

Große Minuspunkte sind also: schnelles Abnutzen der Charaktere, Charaktertod, Fälle, die sich wiederholen und Dramatik auf einem Niveau, das unter aller Sau ist. Bitte entschuldigt diesen Ausdruck.

Naturkatastrophen machen nicht jede Staffel lang Spaß

Wie kann es denn sein, dass am Ende einer jeden Staffel, ein Gebäude einstürzt oder eine Naturkatastrophe oder eine Bombe in der Nähe platziert wird, sodass die Hauptcharaktere nicht nur tangiert sind, nein, sie stehen im Mittelpunkt! Was einmal ganz witzig ist, geht ganz schnell in eine Farce über.

Was ist es nun, dass The Good Doctor bis hierhin, und es liefen erst zwei Episoden, besser macht?

Autismus als Erfrischung

Wir folgen einem Charakter, Dr. Sean Murphy, der unter Autismus leidet. Diese Krankheit hindert ihn daran, mit Menschen zu kommunizieren und sich „normal“ zu verhalten. Diese Krankheit kann man aber auch nicht heilen, wodurch eine Charakterentwicklung nur bedingt möglich ist.

Die anderen Charaktere, Dr. Claire Browne und Dr. Neil Melendez, sind hingegen normal. Sie haben ihre Charakterschwächen, so kann die eine Personen niemanden nicht nah an sich heranlassen, obwohl sie sehr mitfühlend und herzlich ist. Der Andere ist arrogant und eckt deswegen immer wieder an. Diese Personen können also normal und nach Drama-Drehbuch agieren. Schön ist es jedoch, dass diese ebenfalls genug Screentime bekommen, um sich zu entfalten. So war schon nach der ersten Episode eindeutig, wie diese Personen „ticken“ und welchen Problemen sie ausgesetzt werden.

Wenn Charaktere in Kontrast stehen, agieren sie einfach besser

Dr. Sean Murphy hingegen wird von Dr. Melendez drangsaliert. Dieser kann nämlich nichts mit einem Chirurgen anfangen, der unter einer Behinderung leidet. Ob man es nun glaubt oder nicht, diese Behinderung wird nicht immer als negativ und traurig dargestellt. Durch seine beschränkte Art und Weise zeigen die Serienschöpfer nämlich, dass die Intelligenz dieses Arztes Leben rettet und andere Charaktere auf IHRE Fehler aufmerksam macht. Es gab da z.B. eine Szene, in der Dr. Melendez Dr. Murphy klarmacht, dass dieser in seinem OP niemals richtig operieren darf, weil er es ihm schlichtweg nicht zutraut. Dr. Murphy antwortet nur damit, dass er etwas von Dr. Melendez lernen möchte, da er ja so gut zu sein scheint und fragt aber auch, ob ihm die Arroganz dabei helfe, ein besserer Arzt zu sein. Diese Szene beweist nicht nur Tiefgang, sie unterstützt auch den Hauptcharaktere dabei, mit seiner Behinderung umzugehen und den Zuschauer über die ein oder andere komische Situation schmunzeln zu lassen.

Wie viel Gewalt muss man sehen, um daran zu glauben

In puncto Drama startet die Serie etwas ruhiger. Shaun, dessen Vater cholerisch war und auch unter Gewaltausbrüchen litt, hat mit diesem zu kämpfen. Es wird in der Szene zwar nicht explizit gezeigt, wie er verprügelt wird, aber durch den Gewaltausbruch seines Vaters, der dabei seinen Hasen tötet, wird die Situation schnell verdeutlicht und auch nicht verharmlost.

Der Verlust seines Bruders ist ebenfalls ein wichtiger Aspekt. Dr. Murphy, der Arzt werden wollte und Menschenleben damit zu retten versucht, möchte dies nicht etwa aus Geld oder heroischen Gründen heraus: Er möchte anderen Menschen sein Leid ersparen. Was bei dem einen Charakter nun eher billig wirken würde, scheint hier absolut passend und lobenswert, da man von seiner Behinderung ja weiß, dass er gefühlstechnisch nicht auf dem selben Stand ist, wie ein anderer in seinem Alter.

So sehen wir in The Good Doctor viele Kontraste, aber auch nachvollziehbare Fehler. Eine Ärztin, die Drogen nimmt und immer wieder rückfällig wird, scheint keine angemessene authentische Dramaqueen zu sein, sondern einfach nur eine Hilferuf nach Ideen zu sein.

Wie sich The Good Doctor noch entwickeln wird, ist unklar. Bislang macht es aber einen sehr guten Eindruck.

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